|
Rallyetechnisch ist der Col de
Braus indes kein großer Heuler, meist neutrale Zone zwischen dem Col de Turini und dem
Col de la Madone, wo sich Schicksale abspielen. Vor einer Überschätzung des Turini
sei allerdings gewarnt: Er ist ein banaler Berg, bei aller Berühmtheit. Für den
Reisenden gibt es keinen vernünftigen Grund, die Route des Col de Braus zu wählen.
Zwischen Rhöne und Tenda-Paß läßt es sich auf rund 30 Möglichkeiten von den Alpen an
die Küste runterturnen. Es gibt leichte und schwierige Strecken, schnelle Trails und
verspielte, natürlich auch die pompöse Route Napoléon mit ihren Hunderten von
Schildern, wo Bonaparte 1815 überall gespeist und geruht hat. Man sollte diese
vielbefahrene Strecke höchstens aus erzieherischen Gründen mit Jugendlichen wählen:
"Das muß ja in Waterloo enden, wenn einer so viel frißt und pennt." Wir kehren
zurück zur These, daß eine Überquerung des Col de Braus weitgehend nutzlos ist. In
diesem Moment ist äußerste Disziplin gefordert. Wir werden hellwach. Antithese,
Euer Ehren: Just die Nutzlosigkeit erster Ordnung (die Wohin-Frage) öffnet den Weg zum
Nutzen höherer Ordnung. Damit sind wir bei der Synthese: dem Roadster. Der Col de Braus
ist von überall weit genug entfernt, um uns in einen Zustand zu bringen. Roadster fahren
auf kurzen Strecken hat nichts mit dem zu tun, was hier gemeint ist. Erst der lange Atem
des Fahrers verdichtet unsere Befindlichkeit, macht sie intensiver durch schiere Dauer,
bis alles seine Wirklichkeit erhält. Somit sind wir mitten im Roadster-Fahren, sind
vielleicht aus Tiefe Frankreichs nach Süden gestoßen oder dem uralten Trail aus
Piemont gefolgt, und weil das nicht das erste Erlebnis dieser Art ist, wissen wir Bescheid
über die Qualität der Tagesränder. Im offenen Auto kapiert das einer viel schneller als
im verlöteten: das Fahren in die langen Sommerabende, das frühe Aufstehen, der Geruch
des Morgens. Somit kriegt die Reise in die Nutzlosigkeit einen ganz konkreten Eckpunkt:
Übernachtung in Sospel zwecks folgenden Morgens.
So ist das mit dem Roadster-Fahren: Du landest in Zufälligkeit
Die technische Zwischenlandung in Sospel wächst sich zur Köstlichkeit aus, ein uraltes,
aber ganz normal tickendes Städtchen, hier wohnen noch gewöhnliche Menschen, die
Aussteiger und Kunsthandwerker sind erst im Kommen, dafür gibt's einen Sommerwettbewerb
für die schönste Vogelscheuche, und die steinerne Brücke über die Bévéra ist eine
der herzzerreißendsten Brücken von Oberall. Vielleicht wirst du in der Auberge
Provencale" deine Mahlzeit nehmen und dich dann betten, nur ein paar hellhörige
Türen von der schönen blonden Wirtin entfernt, bei der du die Rechnung schon beglichen
hast, denn du wirst um fünf Uhr früh aus dem Haus schleichen. Um die Sache nicht zu
zerreden: Dann fahre ich den Col de Braus, mit ruhigen, kraftvollen Schwüngen, und es ist
schön. |